Religionsloses Christentum
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Was bedeutet „Religionsloses Christentum“?
Religionsloses Christentum fragt, wie gelebter Glaube in einer mündigen, säkularen Welt Gestalt gewinnt – jenseits enger religiöser Formen und ohne Fixierung auf den Selbsterhalt kirchlicher Institutionen. Ausgehend von Dietrich Bonhoeffers Impuls werden Liebe, Empathie, Gewissensverantwortung und soziale Gerechtigkeit ins Zentrum gestellt. Diese Publikation bündelt dies in 16 Thesen und erschließt Theorie und Praxis eines Christentums, das anthropologisch, friedensethisch und solidarisch denkt.
Die 16 Thesen im Wortlaut
- Religionslosen Christen geht es nicht um den Selbsterhalt der Kirche, sondern um ein Dasein für andere.
- Für Religionslose Christen ist Jesus Christus nicht einmalig, sondern ein Prototyp für das "Christische".
- Religionslose Christen haben ein anderes Verständnis von "Trinität".
- Religionsloses Christentum und Religionsloser Islam/Buddhismus/Hinduismus sind "anthropologisch".
- Religionsloses Christentum betont die Liebe.
- Religionsloses Christentum ist empathisch.
- Religionsloses Christentum unterstützt die "Vorrangige Option für die Armen".
- Der Religionslose Christ/die Religionslose Christin ist Gewissentäter*in.
- Religionslose Christen sind angstfrei.
- Zum Religionslosen Christentum gehört das "Sterblich-Handeln".
- Für Religionslose Christen sind Menschen bzw. Christen keine "Schafe".
- Für Religionslose Christen ist die Bibel nicht "alles".
- Religionslose Christen erfahren "Rechtfertigung" über Beziehungen zu den Mit-Menschen und der Natur.
- Religionsloses Christentum verknüpft die göttliche Matrix gleichermaßen mit Kultur und Natur.
- Religionslose Christen hoffen auf eine gewaltfreiere, friedfertigere und solidarischere Welt.
- Religionsloses Christentum wirbt für eine Bekehrung zu den Frauen.
Kontext und Anliegen: Bonhoeffer weiterdenken
Diese 16 Thesen zum Religionslosen Christentum im Anschluss an Dietrich Bonhoeffer sind das Ergebnis zehnjähriger Forschungstätigkeit. Dabei wird Bonhoeffers Impuls weitergedacht. Religionsloses Christentum ist ein anderes Christentum als das, was in manchen Kirchen vermittelt wird. Es ist freier, mehr Salz in der Suppe, handelt sterblich und ist zuweilen subversiv. Nicht wenige Menschen entbehren manchmal der radikalen Liebe, der tiefen Empathie und einer gelebten "Vorrangigen Option für die Armen" in den Kirchen – hier setzt Religionsloses Christentum andere Akzente. Es ist der Ansicht, dass das "Christische" in Jesus nicht abschließend zur Geltung kam und Gottes Offenbarung nach dem Offenbarungswissen der Bibel weitergeht. Feministische Aspekte finden Beachtung und es wird in Anschluss an die Gaia-Hypothese gedacht.
Im Horizont Bonhoeffers wird dabei die Unterscheidung zwischen „Religion“ als Form und „Glaube“ als gelebter Wirklichkeit ernst genommen. Das Werk verortet die Thesen historisch und theologisch, öffnet sie zugleich für die Gegenwart und fragt nach einer Glaubenspraxis, die in der Welt, für die Welt, mit der Welt geschieht.
Kernaussagen und theologische Schwerpunkte
Die Thesen akzentuieren ein Christentum, das Empathie, Nächstenliebe und Solidarität praktisch werden lässt – besonders in der „Vorrangigen Option für die Armen“. Das trinitarische Verständnis wird relational und dynamisch gedeutet; die Bibel bleibt maßgebliche Ressource, wird jedoch nicht als alleinige oder abschließende Offenbarungsquelle verstanden. Anthropologische Fundierung, interreligiöse Anschlussfähigkeit (u. a. zum Islam, Buddhismus, Hinduismus) und eine ökologische Sicht, die Kultur und Natur in einer „göttlichen Matrix“ zusammendenkt (bis hin zu Bezügen zur Gaia-Hypothese), sind weitere Markenzeichen. Rechtfertigung wird als Beziehungsgeschehen mit Gott, den Mitmenschen und der Mitwelt erfahren – diakonisch, friedensethisch und verantwortungsvoll.
Unterschiede zum traditionellen Verständnis
Religionsloses Christentum löst sich von einer vorrangig institutionenzentrierten Perspektive („Selbsterhalt der Kirche“) und rückt die Mündigkeit, das Gewissen und die Freiheit von Christinnen und Christen ins Zentrum. Die Gemeinde der Zukunft erscheint als gemeinschaftliche Praxis des „Daseins für andere“ – weniger als Bewahrung von Formen, mehr als Transformationsraum für Liebe, Gerechtigkeit und Gewaltfreiheit. In dieser Perspektive ist „Christsein ohne Kirche“ nicht Abbruch, sondern Aufbruch: ein subversiv-hoffnungsvoller Beitrag zu einer friedfertigeren, solidarischeren Welt.
Praxis: Wie lebt man als religionsloser Christ / eine religionslose Christin?
Die Publikation verbindet Theorie und Lebenspraxis. Aus den Thesen ergeben sich konkrete Wege für Alltag und Gemeinschaft:
- Gewissensethik leben: Entscheidungen verantwortet treffen, Betroffene in den Mittelpunkt stellen, Zivilcourage üben – als „Gewissentäter*in“.
- Liebe und Empathie konkretisieren: Zuhören, versöhnen, heilen helfen; Sorgearbeit und Fürsprache als gelebte Nächstenliebe.
- Vorrang für die Armen: Ressourcen teilen, Strukturen hinterfragen, sozial engagiert handeln – lokal und global.
- Friedensethik und Gewaltfreiheit: Konflikte deeskalieren, Dialog ermöglichen, Versöhnungswege fördern.
- Sterblich-Handeln: Endlichkeit annehmen, Trauerkultur pflegen, solidarisch mit Sterbenden und Trauernden gehen – ohne Triumphgesten, mit zarter Hoffnung.
- Nachhaltigkeit und Ökologie: Schöpfungsverantwortung ernst nehmen, naturbezogene Rituale (Stille, Gehen, Danken) pflegen, achtsam konsumieren.
- Relationale Spiritualität: einfache Formen der Alltagsfrömmigkeit ohne Kultzwang – Stillezeiten, Segen, Tischgebet, Bibeltexte und weltliche Literatur im Dialog.
- Interreligiös lernen: Gemeinsamkeiten im Anthropologischen entdecken, Unterschiede respektvoll bedenken, für das Gemeinwohl kooperieren.
- Feministische Perspektiven: Geschlechtergerechtigkeit fördern, Sprache und Leitungsstrukturen hinterfragen, „Bekehrung zu den Frauen“ praktisch werden lassen.
Trinität, Bibel, Anthropologie: theologische Vertiefungen
Trinität wird als Beziehungswirklichkeit Gottes neu gelesen: kein fernes Dogma, sondern dynamische Liebe, die Beziehungen heilt und Verantwortung stärkt. Die Bibel bleibt maßgebliche Quelle – zugleich lädt das Werk zu einer hermeneutischen Weite ein, in der Gottes Offenbarung auch jenseits biblischer Texte wahrgenommen werden kann, etwa in menschlicher Erfahrung, Natur und Kultur. Anthropologisch begründete Ethik, diakonisches Handeln und die Orientierung an der Würde jedes Menschen bilden das Rückgrat dieser Theologie.
Interreligiöser und gesellschaftlicher Dialog
Religionsloses Christentum versteht sich anschlussfähig zu anderen religiösen und säkularen Ethiken, wo Liebe, Mitgefühl, Gerechtigkeit und Gewaltfreiheit geteilt werden. Damit leistet es einen Beitrag zum gesellschaftlichen Frieden und zur Zusammenarbeit über institutionelle Grenzen hinweg – von der Nachbarschaft bis zur Zivilgesellschaft.
Für wen eignet sich dieses Werk?
- Pfarrer:innen, Diakon:innen und Mitarbeitende in Kirche, Diakonie und Seelsorge, die nach zeitgemäßen Zugängen zu Glaube, Ethik und Spiritualität suchen.
- Theolog:innen, Studierende, Religionspädagog:innen und Interessierte, die Bonhoeffers Impulse vertiefen und praktisch übersetzen möchten.
- Gemeindegruppen, Hauskreise und Bildungsarbeit, die Christsein alltagsnah, sozialethisch und interreligiös reflektieren wollen.
- Spirituell Suchende, die an einem Christentum ohne starken Institutionenfokus interessiert sind – „Christentum ohne Kirche“ als gelebte Verantwortung.
- Akteur:innen in Sozialarbeit, Zivilgesellschaft und Nachhaltigkeit, die christliche Ethik ohne Dogmazwang als Ressource nutzen.
Nutzen und Mehrwert auf einen Blick
- Kompakte Einführung in „Religionsloses Christentum“ mit klaren Leitsätzen (16 Thesen) und verständlicher Einordnung.
- Theorie trifft Praxis: von der theologischen Grundlegung zu konkreten Haltungen, Ritualen und sozialethischem Handeln.
- Breite Themenvielfalt: Liebe, Empathie, Trinität, Bibelhermeneutik, Friedensethik, Feminismus, Nachhaltigkeit, interreligiöser Dialog.
- Orientierung für persönliche Spiritualität, Gemeindepraxis und gesellschaftliche Verantwortung.
Lese- und Einsatzempfehlung
Das Werk eignet sich für persönliche Lektüre und für die gemeinsame Arbeit in Gruppen, Seminaren, Konfirmanden- und Erwachsenenbildung, Predigtvorbereitung sowie für den Einsatz in diakonischen Kontexten. Es eröffnet Gesprächsräume zwischen Tradition und Gegenwart – für ein empathisches, verantwortliches und hoffnungsvolles Christsein.
Über den Autor
Br. Roland Mierzwa, Dr. Dr., Jg. 1964, ist Mitglied des Internationalen Versöhnungsbundes und Diakonischer Bruder der ev.-luth. Diakoniegemeinschaft zu Flensburg (Kaiserswerther Verband). Überdies ist er ehrenamtlich in der Bahnhofsmission und freiberuflich wissenschaftlich tätig. Seine Forschungsschwerpunkte sind: Friedensethik (Rüstungsexport und Rüstungskonversion), vorrangige Option für die Armen, Konturen einer anthropologisch fundierten (Sozial-) Ethik. Zu ihm gehören drei erwachsene Kinder. Er lebt geschieden.
Seine langjährige Praxis in Versöhnungs- und Friedensarbeit, verbunden mit wissenschaftlicher Präzision, macht die hier vorgelegten Thesen zu einer profilierten Stimme in der aktuellen Debatte um ein empathisches, gerechtes und weltzugewandtes Christentum.
| Autoren: | Mierzwa, Roland |
|---|---|
| Erscheinungsjahr: | 2019 |
| Verlag: | Lutherische Verlagsgesellschaft |
| ISBN: | 978-3-87503-225-3 |
| Seiten: | 48 |
| Einband: | kartoniert |
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